Institut für sozialwissenschaftliche
Forschung, Bildung und Beratung e.V. (ISFBB)
 
 
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Modul 3: Zeitzeugengespräche mit Holocaust-Überlebenden

Mit Ernst Grube, Eva Weyl, Horst Bernard, Mina Gampel, René Kaufmann, Ernest Glaser, Roman Haller und Wolfgang Polak können aktuell (Stand 10.6.2026) organisiert durch unseren Verein acht Holocaust-Überlebende von ihren Verfolgungen durch die Nationalsozialisten berichten. Das Projekt wird von Diplom-Sozialwirtin (Univ.) und Buchautorin Birgit Mair geleitet, die seit 2005 mehr als sechshundert Zeitzeugengespräche mit Holocaust-Überlebenden durchgeführt hat. Sie führt durch die Veranstaltung, bettet die Erzählungen der Zeitzeugen in den historischen Kontext ein und präsentiert Bilder, Dokumente und ggfs. auch Filmausschnitte aus deren Leben. Im Anschluss an die Veranstaltung kümmert sie sich um die Betreuung der Zeitzeugen.

Kurzbiographien

Eva Weyl: Als Kind im KZ Westerbork gefangen


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Eva Weyl als Kind mit ihrer Puppe
(Foto: Privatbesitz Eva Weyl)
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Eva Weyl im April 2022 im Keukenhof in den Niederlanden (Foto: Birgit Mair)

Eva Weyl wurde 1935 im niederländischen Arnheim geboren und kommt aus einer jüdischen Familie. Ihr Großvater hatte das im Zentrum der nordrhein-westfälischen Stadt Kleve gelegene Kaufhaus Weyl geführt. Der Vater war ebenfalls in der Kaufhausbranche tätig und hatte diesbezüglich in Aachen, Berlin und Köln Erfahrungen gesammelt, unter anderem bei Tietz. Ende 1934 zogen die Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Arnheim, wo sie noch einige Jahre ein Damentextilgeschäft führen konnten. Die beiden bereits verwitweten Großväter zogen nach der Pogromnacht 1938 ebenfalls zu Eva Weyls Familie ins Nachbarland.

Nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 wurde in Westerbork ein bereits existierendes Flüchtlingslager in ein KZ-Durchgangslager für Jüdinnen und Juden umfunktioniert. In dieses Lager wurde Eva mit ihren Eltern Ende Januar 1942 deportiert. Elf Monate später lieferte man beiden Großväter dort ein. Diese wurden im Folgejahr nach Theresienstadt geschickt und überlebten. Mehr als neunzig Eisenbahntransporte mit Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma gingen von Westerbork aus nach Theresienstadt und Bergen-Belsen sowie in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Sobibor. Von den 107.000 Frauen, Männern und Kindern, die von Westerbork aus deportiert wurden, überlebten nur etwa fünftausend. Eva Weyl und ihre Eltern entgingen mit viel Glück der Vernichtung. Detailliert beschreibt die Zeitzeugin die perfide Scheinwelt des Lagers. Mit Lügen und Beschwichtigungsmethoden versuchte die Lagerleitung, die zu Tode Geweihten in Sicherheit zu wiegen, um Widerstand zu verhindern.

Frau Weyl kommt aus einer deutschen Familie. Dennoch galt sie bis zum Jahr 1950 als staatenlos. Die Niederländerin spricht holländisch und deutsch. Die Familie der Mutter stammt aus Freiburg im Breisgau, die des Vaters aus Kleve. Frau Weyl tritt unter anderem mit der Enkeltochter des ehemaligen KZ-Lagerkommandanten von Westerbork auf. Wie viele andere Holocaust-Überlebende ist auch sie der Meinung, dass die junge Generation keine Schuld für die Verbrechen ihrer Vorfahren hat, jedoch die Verantwortung hat, die Vergangenheit zu kennen, um so an einer besseren Zukunft zu arbeiten.

Ernst Grube: Er überlebte das Ghetto Theresienstadt

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Ernst Grube 2022 in Ingolstadt (Foto: Birgit Mair)

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Ernst und Werner Grube im Tierpark Hellabrunn in München 1941. Ihr couragierter Vater besuchte mit seiner Familie den Zoo, ohne den "Judenstern" zu tragen (Foto: Privatbesitz Ernst Grube)

Ernst Grube wurde 1932 in München geboren. Seine Mutter war jüdisch, sein Vater evangelisch. Nach der Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge im Juni 1938 wurden die unmittelbar angrenzenden Gebäude der israelitischen Kultusgemeinde in der Herzog-Max Straße "arisiert", d.h. geraubt. Die Grube-Familie wurde aus ihrer dortigen Mietwohnung vertrieben. In ihrer Not brachten die Eltern Ernst und seine beiden Geschwister zwei Tage vor dem Novemberpogrom 1938 in ein jüdisches Kinderheim. Fast alle der dort untergebrachten Kinder wurden später von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Ernst und seine beiden Geschwister mussten ab Frühjahr 1942 in das „Judenlager Milbertshofen", später in ein weiteres Lager in Berg am Laim bis April 1943. Drei Monate vor Kriegsende wurden die Grube-Kinder und ihre Mutter in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie bis zur Befreiung am 8. Mai 1945 inhaftiert waren.

Bis heute kämpft Ernst Grube aktiv gegen Rassismus, Antisemitismus, Neonazismus, Militarisierung und Krieg. Seit Jahrzehnten ist er in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschist*innen aktiv. Für sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Elser-Preis der Landeshauptstadt München und dem Bundesverdienstkreuz. Ernst Grube ist im Präsidium der Lagergemeinschaft Dachau e.V. aktiv, dessen Präsident er bis 2025 war. Er ist Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Ehrenbürger der Stadt München.

Mina Gampel: Ihre jüdischen Eltern flohen fünftausend Kilometer bis nach Kirgisien


Mina Gampel (Foto: Birgit Mair) Mina Gampel (geb. Juszkiewicz) wurde am 14. August 1940 in Pinsk im heutigen Weißrussland geboren. Die allermeisten der 30.000 Einwohner*innen waren jüdisch. Mina war das achte Kind einer armen jüdischen Familie. Ihr Vater arbeite abwechselnd als Schuster und Fischer; die Mutter verkaufte belegte Brote.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion im Juni 1941 floh die Familie fast fünftausend Kilometer in Richtung Südosten. Diese Entscheidung war lebensrettend, denn fast alle Pinsker Jüdinnen und Juden wurden von den Deutschen ermordet. Über Kiew und Stalingrad gelangte die zehnköpfige Familie in den asiatischen Teil der Sowjetunion, nach Samarkand und Taschkent in Usbekistan und schließlich nach Kirgistan. Auf dem Weg dorthin wurde der Vater, Mosche Juszkiewicz, in die Rote Armee eingezogen.

Zwei Brüder von Mina starben an Krankheiten, einer wurde von einem Wehrmachtssoldaten erschlagen. Mutter Chasche-Lea (geb. Furman) lebte nun mit fünf Kindern alleine in Frunse (heute Bischkek). Die Familie erhielt Unterstützung aus den Reihen der Bevölkerung der kirgisischen Stadt. Noch vor Kriegsende desertierte der Vater, um die Familie zu unterstützen. Er fand seine Frau und die Kinder, musste sich als Deserteur jedoch verstecken.

Nach Kriegsende wollte die Familie zurück nach Pinsk, erhielt jedoch keine Reiseerlaubnis dorthin. Man schickte sie wie viele andere jüdische Überlebende ins polnische Stettin. Dort besuchte Mina die Schule bis zur Mittleren Reife und heiratete später. 1957 wurde ihr die Ausreise nach Israel erlaubt, wo sie sich zehn Jahre lang aufhielt. Sie wurde dort Mutter von drei Kindern. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und den Kindern siedelte sie 1967 nach Deutschland um. Seit 1969 lebt und arbeitet sie in Stuttgart, wo sie lange Zeit als Kindergärtnerin tätig war.

Noch im hohen Alter studierte sie im Rahmen eines Studium Generale Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie an der Universität Stuttgart. Zudem absolvierte sie Ausbildungen an der Kunstakademie Esslingen und an der Europäischen Kunstakademie der Bildenden Künste in Trier. Sie ist eine überregional bekannte, jüdische Künstlerin. Seit 1993 ist sie Dozentin an der Kunstakademie Esslingen.

Motive ihrer Bilder sind unter anderem Szenen aus den von den Nazis zerstörten jüdischen Schtetl in Osteuropa. Ihre Kunstwerke wurden in Museen und Galerien ausgestellt, unter anderem in Nancy, Zürich, Genf, Berlin, Stuttgart, Tel Aviv, Antwerpen, Stettin, Warschau und London. Als Künstlerin ist bis heute aktiv.

2018 veröffentlichte sie ihre Autobiographie „Meine vier Leben – Weißrussland, Polen, Israel und Deutschland“. (deutschsprachige Ausgabe: ISBN: 978-3-00-059646-9 – Bestellung über den Buchhandel oder über amazon). Polnischsprachige Ausgabe: ISBN-978-83-942774-6-8)

Mina Gampel spricht deutsch, polnisch, jiddisch, hebräisch und russisch.

Ablauf eines Zeitzeugengesprächs mit Mina Gampel Die Zeitzeugengespräche mit Mina Gampel laufen folgendermaßen ab: Buchautorin und Holocaust-Forscherin Birgit Mair berichtet etwa zehn Minuten über den Holocaust in der von Deutschen besetzten Sowjetunion und bettet die Lebensgeschichte von Mina Gampel in den historisch-politischen Kontext ein. Im Anschluss daran liest Mina Gampel Passagen aus ihrem Buch. Hierbei geht es nicht nur um die Fluchtgeschichte der Familie, sondern auch um philosophische Sichtweisen, die Mina Gampel vorträgt. Beispielsweise hat sie ihre eigenen "Zehn Gebote" verfasst. Im Anschluss an den Vortrag zeigt Birgit Mair Fotos aus dem Familienalbum von Mina Gampel sowie Bilder ihrer Kunstwerke, in denen viele jüdische Motive zu sehen sind. Zum Schluss der Veranstaltung gibt es Raum für Fragen aus dem Publikum.

Ernest Glaser: Er überlebte durch Flucht nach Shanghai


Ernest Glaser 2024 in seiner Wohnung (Foto: Birgit Mair)

Ernst Glaser wurde am 2. März 1924 in Berlin geboren und kommt aus einer jüdischen Familie. Er überlebte den Holocaust durch Flucht nach Shanghai, wo er acht Jahre lebte. Heute ist er 101 Jahre alt, heißt Ernest Glaser und kann von den Vereinigten Staaten aus online zugeschaltet werden. Birgit Mair besuchte ihn im September 2024 in den USA. Ihr Buch "Ernest Glaser - Ein Berliner Jude überlebte den Holocaust in Shanghai" wird am 16. November 2025 in der Friedenskirche Berlin präsentiert.

Horst Bernard: Als Kind antifaschistischer Eltern durch Flucht nach Frankreich überlebt

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Horst Bernard in seiner Wohnung in Saarbrücken (Foto: Birgit Mair, April 2021)

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Horst Bernard als Kleinkind (Foto: Privatarchiv Horst Bernard)
Horst Bernard wurde 1932 in Bischmisheim bei Saarbrücken als Kind eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter geboren. Die Eltern waren im saarländischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv. Nachdem das Saarland 1935 nationalsozialistisch wurde, floh der Vater ins Exil nach Frankreich. Die Mutter wurde von den Nazis unter Druck gesetzt, ihren Ehemann zurückzuholen. Mit ihren zwei kleinen Kindern machte sie sich auf den Weg nach Luchon in den mehr als eintausend Kilometer von Saarbrücken entfernten Pyrenäen, wo die französischen Behörden den Vater hingeschickt hatten. Ab August 1935 lebte die Familie in Agen, wo sie Hilfe von anderen erhalten hatte und selbst anderen Flüchtlingen half. Das 1940 auf französischem Boden geborene Brüderchen änderte den Rechtsstatus der Familie zu ihren Gunsten. Nachdem der südliche Teil Frankreichs im November 1942 besetzt worden war, musste der Vater in die Illegalität untertauchen. 1944 wurde die Mutter von der Militärverwaltung verhört, die Gestapo durchsuchte ihre Wohnung. Nun musste auch sie mit den zwei kleinen Kindern untertauchen. Ihr ältester Sohn Horst wurde bei einem alten Ehepaar untergebracht, das mit der französischen Widerstandsbewegung Resistance sympathisiert hatte. Besonders belastend für den Jungen, der in Agen ein Gymnasium besuchte, war folgende Situation: Einmal in der Woche ging er zu einem bestimmten Zeitpunkt in Agen auf einem Boulevard auf und ab, um seinen Vater zu sehen. Sie gingen auf unterschiedlichen Straßenseiten und nickten sich zu. Sie durften nicht miteinander sprechen, damit Horst nicht in Verbindung mit seinem jüdischen Vater gebracht wird. Im Alter von zwölf Jahren entging Horst Bernard knapp dem Tode. Er konnte fliehen, als die SS auf der Beerdigung eines bekannten Widerstandskämpfers der Resistance-Gruppe "Libération" auf dem Friedhof in Fengarolles um sich geschossen und zahlreiche Menschen verhaftet hatte.

Horst Bernard lebt heute wieder im Saarland. Er spricht deutsch und französisch und engagierte sich auch in der Nachkriegszeit gegen Alt- und Neonazis, verfasste mehrere Bücher und traf zahlreiche andere KZ-Überlebende. Birgit Mair besuchte den 88-Jährigen im April 2021 in Saarbrücken, filmte Teile seiner Lebensgeschichte.

René Kaufmann: Als Kind eines jüdischen Vaters verfolgt


René Kaufmann (Foto: Birgit Mair)

Im Jahr 1937 wurde René Kaufmann in Belgien geboren. Seine Eltern waren bereits kurz nach Hitlers Machtantritt von Nazi-Deutschland aus zunächst in die Niederlande und später nach Belgien gezogen, wo René aufwuchs. Sein Vater war jüdisch, seine Mutter katholisch. Als die Wehrmacht im Jahr 1940 Belgien besetzte, wurde Renés Familie von den Nationalsozialisten verfolgt. Sein Vater versteckte sich in den Ardennen, und wurde Opfer eines medizinischen Expermients durch einen Arzt. René und seine beiden Geschwister waren ständiger Gefahr ausgesetzt, als Kinder eines jüdischen Vaters enttarnt zu werden. Der kleine René musste mit ansehen, wie seine Mutter wurde von den Nationalsozialisten schwer misshandelt wurde, da sie das Versteck des Vaters nicht preisgeben wollte. Auch erlebte er mit, wie seiner Tante vom Fahrrad gerissen und verschleppt wurde. Sie und beinahe der gesamte jüdische Teil der Familie wurde deportiert und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

René Kaufmann lebt heute in Bayern. Er spricht Flämisch, Französisch und Deutsch.

Wolfgang Polak: Als Kind eines jüdischen Vaters in Westerbork gefangen – die Mutter kämpfte im Widerstand gegen die Nazis

Wolfgang Polak wurde am 21. Januar 1934 in Dortmund in Nordrhein-Westfalen geboren. Sein Vater, Leiser Leopold Polak (geb. 1889), stammt aus einer traditionellen jüdischen Familie aus Papenburg in Niedersachsen. Die 1909 in Dortmund geborene Mutter, Hildegard Wilhelmina (geb. Krause) stammte aus einer christlichen Familie. Im Zuge der Heirat konvertierte sie zum Judentum. 1938 zwangen die Nationalsozialisten die Familie Polak, aus ihrer Wohnung in der Zabernstraße am Südwestfriedhof im Dortmunder Süden in ein Judenghetto im Norden der Stadt umzuziehen. Wolfgang war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt, sein 1937 geborener Bruder Joachim („Achim“) noch ein Baby. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 verwüsteten Nationalsozialisten die Wohnung der Familie in der Nordstraße und warfen Möbel aus dem Fenster. Wolfgang Polak erinnert sich: „Das weiß ich genau, dass ich mit meiner Mutter auf der Treppe saß, mein Bruder daneben und wir waren da in Panik“. Dem Vater gelang die Flucht zu Bekannten, bei denen er sich verstecken konnte. Nach einigen Tagen flohen die Polaks gemeinsam nach Bocholt und gelangten von dort aus mit Hilfe von Schmugglern in die benachbarten Niederlande. „In Aalten wurden wir dann aufgenommen bei sehr netten jüdischen Menschen“, berichtet der 91-Jährige im Interview. Die Polaks wohnten dort in einer Gartenlaube. Später zogen sie nach Rotterdam, wo sie etwa ein halbes Jahr lang auf einem alten Schiff lebten, das als Flüchtlingslager fungierte. „Wir dachten immer, dass wir Aussicht hatten, eine Passage nach Amerika zu kriegen da in Rotterdam, aber man musste viel Geld haben und das hatten wir nicht. So ist uns das nicht gelungen“. Später wurde die Familie für einige Monate in einem Hotel einquartiert. „Da waren die Deutschen noch nicht da, da hatten wir alle Hoffnung – Holland war neutral - dass wir da irgendwie gut überleben konnten“. Wie die Familie nach Amsterdam kam, weiß Herr Polak nicht mehr. Er erinnert sich aber, dass sie mit Gepäck dort hinreisten und sich auf Anweisung der Deutschen in der Beethovenstraße melden musste. Das war 1940, nachdem Deutschland die Niederlande erobert hatte. „Dann waren wir da im Garten und da waren noch viele jüdische Menschen und dann waren wir dann ein paar Stunden und dann sind wir nach Westerbork.“ Er erinnert sich an die Baracke mit zwei Zimmern, in der die Familie untergebracht war: „Und in den Zimmerchen waren die Betten übereinander“ (…) In der Mitte war so ein Gemeinschaftsraum, wo gegessen wurde oder wir mussten schon mal Essen holen in der Garküche“. „An die Schule erinnere ich mich nicht viel. Ich weiß nur noch, dass ein Foto gemacht wurde von uns“. Der 91jährige erinnert sich bis heute an das schwarze Kästchen, mit dem das Foto gemacht wurde. Knapp zwei Jahre war die Familie in Westerbork gefangen. Seine Mutter weigerte sich, sich, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen. Wolfgang Polak und sein Bruder waren Kinder einer so genannten „Mischehe“. „Meine Mutter (…) hat das auch hingekriegt, dass wir auch entlassen wurden.“ Zum Abschied aus Westerbork erhielt er von seiner Freundin Alice ein Buch mit dem Titel „Das Teddybuch“ von Josephine Liebe geschenkt. Das Buch mit der Widmung „Zur Erinnerung an Deine Freundin Alice Adler 13.7.42.“ besitzt der Holocaust-Überlebende noch heute. Alice Adler überlebte die Nazizeit nicht. Wie 102.000 andere Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma wurde sie vom KZ Westerbork aus zur Ermordung nach Osteuropa und nach Bergen-Belsen geschickt. Mitte Juli 1942 kamen die Polaks nach Amsterdam. Dort mussten sie sich eine Wohnung mit anderen Menschen teilen. Die Zeit dort hat Wolfgang Polak als besonders grausam in Erinnerung: „Mein Vater musste sich mindestens einmal die Woche bei der SS melden. Er wurde öfter verhaftet. Dann hat meine Mutter ihn wieder rausgeholt – einmal sogar vom LKW rausgeholt“. Auch seine Mutter musste unzählige Male im Hauptquartier der SS in Amsterdam erscheinen. Insbesondere den so genannten „Hungerwinter“ in den Niederlanden 1944/45 erinnert sich Wolfgang Polak gut. „Da gab’s gar nix zu Essen. Man hatte zwar so Karten, dass man mini mini was kriegte, aber es gab nichts. (…) Ich weiß noch genau: Wenn man über die Straße ging, da fielen die Leute um vor Hunger“. Seine Mutter fuhr mit dem Fahrrad aufs Land und versuchte, Wertgegenstände gegen Lebensmittel zu tauschen. Sie schloss sich dem antifaschistischen Widerstand an und versorgte mit gefälschten Essensmarken nicht nur ihre Familie, sondern auch versteckte jüdische Menschen im Untergrund. Nach Kriegsende ging die Familie zurück nach Deutschland. Gemeinsam mit seinem Bruder betrieb Wolfgang Polak mehr als zwanzig Jahre lang einen Autozubehörhandel in Dortmund. Der Vater starb 1959 im Alter von 70 Jahren, die Mutter starb 83-jährig im Jahr 1992. Beide Eltern sind in Dortmund beerdigt. Jahrzehnte lang engagierte sich Wolfgang Polak in der jüdischen Gemeinde Dortmund und half neu zugewanderten Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, sich in der neuen Heimat einzufinden. Heute ist er Ehrenvorsitzender der Gemeinde. Der Fußballban und ist seit mehr als sechzig Jahren Vereinsmitglied von Borussia Dortmund und fungierte dort zeitweise als Vizepräsident. In der jüdischen Gemeinde Dortmund ist ein Saal nach ihm benannt. Für sein Engagement erhielt er 1923 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Wolfgang Polak ist Vater von drei Kindern und hat mehrere Enkelkinder. Er spricht Deutsch und Niederländisch. Auf die Frage, wie sich Deutschland in den vergangenen Jahren politisch entwickelt hat, Stichwort AfD antwortet er: „Es ist unbegreiflich, dass die Deutschen unbelehrbar sind. (…) Dass es drin ist und dass man es gar nicht raus kriegt. Unbegreiflich. Die wissen, was passiert sind und wollen trotzdem wieder diese Richtung einschlagen. Ich will nicht sagen, dass alle so sind, waren früher auch nicht alle so, aber die werden mitgezogen und lassen sich mitziehen.“ Seine Botschaft für die nachfolgenden Generationen: „Wichtig ist die Freiheit – dass man ne Freiheit hat, dass man nicht in Systeme reinkommt, wo die Freiheit verloren geht – dann ist das ganze Land verloren.“

Anmerkung und Danksagung: Die Lebenspartnerin des Zeitzeugen, Tirzah Haase, lernte im Jahr 2025 durch eine Fügung die damals 90-jährige Holocaust-Überlebende Eva Weyl kennen, die wie Wolfgang Polak in Westerbork interniert war. Frau Haase vermittelte den Kontakt zwischen den beiden Holocaust-Überlebenden. Es stellte sich heraus, dass Eva Weyl im Besitz eines Fotos ist, das Eva Weyl und Wolfgang Polak neben anderen jüdischen Schülerinnen und Schülern im Jahr 1942 im KZ-Lager Westerbork zeigt. Das Foto ist in Birgit Mairs 2023 erschienenen Buch „Die letzten Zeuginnen und Zeugen – Meine Arbeit mit Holocaust-Überlebenden“ abgedruckt. Den Kontakt zu Wolfgang Polak stellte Eva Weyl her. Hierfür möchte ich mich herzlich bedanken. Am 22. Mai 2026 besuchte ich Wolfgang Polak seiner Wohnung in Dortmund führte ein Interview mit ihm durch. Die Zitate aus diesem Text stammen aus dem Interview. Vielen Dank an Herrn Polak für den herzlichen Empfang und die Offenheit. (Birgit Mair am 10. Juni 2026)


Roman Haller – Er überlebte als jüdisches Baby in einem Wald in der heutigen Ukraine


Roman Haller 2023 in München (Foto: Birgit Mair)

Roman Haller kennt seinen genauen Geburtstag nicht. Irgendwann zwischen 7. und 10. Mai 1944 wurde er in einem Waldstück in der von den Deutschen besetzten Sowjetunion (heute Ukraine) geboren. Der genaue Ort ist ihm nicht bekannt.

Seine Eltern, Ida und Lazar Haller, konnten mit Hilfe anderer aus einem Ghetto und Zwangsarbeiterlager entkommen und sich mit einer Gruppe weiterer Jüdinnen und Juden in einem Bunker im Wald verstecken. Ohne die Hilfe des Wehrmachtsmajors Eduard Rügemer und seiner polnischen Geliebten Irena Gut hätten sie vermutlich nicht überlebt. Rügemer und Gut versorgten Roman Hallers Eltern unter anderem mit Lebensmitteln. Es stand zur Debatte, Roman Haller nach der Geburt erdrosseln zu müssen, da er eine große Gefahr darstellte: Ein schreiendes Baby hätte die gesamte zwölfköpfige Gruppe verraten können. Dass er heute zu uns sprechen kann, gleicht einem kleinen Wunder.

Nach der Befreiung durch die Rote Armee lebte die Familie im DP-Lager München-Freimann. Ziel war die Auswanderung in die USA. Letztendlich blieben sie aber in München, wo Roman Haller aufwuchs und noch heute lebt. Sein Retter, Eduard Rügemer, ein gebürtiger Nürnberger, wurde für ihn für einige Jahre zu einem Ersatzopa. Mit seiner Retterin Irena Gut war der Überlebende ebenfalls in Kontakt.

Roman Haller machte sich nach dem Krieg selbstständig und engagierte sich ehrenamtlich. Mehr als fünfzehn Jahre lang war er Direktor der Claims-Conference-Nachfolgeorganisation mit Büro in Frankfurt. Er verfasste Bücher zur Nachkriegsgeschichte der Juden in Deutschland (u.a. „Davidstern und Lederhose“, „… und bleiben wollte keiner“) und ist Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Das Theaterstück „Irena’s Vow“ behandelt Roman Hallers Überlebensgeschichte und wurde 2009 auf dem Broadway aufgeführt.

Roman Haller steht für Vorträge mit anschließender Fragerunde sowohl in Präsenz (im Raum Bayern) als auch online (bundesweit) für Zeitzeugengespräche zur Verfügung.

Ablauf und Kosten

1. Ablauf der Veranstaltungen (Online und Präsenz)
a) Input durch Birgit Mair
b) Bericht der Holocaust-Überlebenden
c) Fragen aus dem Publikum
d) Verabschiedung


Dauer: 90 bis 120 Minuten
Kosten:
Pauschalpreis (online): 600,00 Euro (inkl. Honorare für Zeitzeugen und Moderation, Beratung bei der Technik, Technikcheck, Entwickeln eines maßgeschneiderten Konzepts) Für Schulen können wir Sonderpreise anbieten. Veranstaltungen können auf Anfrage in Kooperation mit der Georg-von-Vollmar-Akademie durchgeführt werden (2 Euro pro Teilnehmer).

Preise für Präsenz-Veranstaltungen auf Anfrage. Online: Technik und Vorbereitung
Bitte teilen Sie uns mit, mit welchem technischen System Sie die Veranstaltung durchführen möchten. Wir können Ihr System nutzen oder selbst einen Link generieren. Für uns am besten geeignet ist Zoom. Wir haben eine Zoom-Lizenz erworben, mit der 100 Menschen an der Veranstaltung teilnehmen können. Einige Tage vor der Veranstaltung vereinbaren wir einen Termin für einen Technik-Check. Es können mehrere Klassen gleichzeitig an der Veranstaltung teilnehmen. Wir beraten Sie bei der technischen Umsetzung.

Kontakt und Buchung

Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) e.V.
Rennweg 60 90489 Nürnberg
Germany

Telefon: +49 (0) 911 / 54 055 934
Mobil: 0176 / 62 94 31 52
Ansprechpartnerin: Birgit Mair (Diplom-Sozialwirtin Univ.),

E-Mail: info(ät)isfbb.de
 
Impressum: ISFBB e.V., Rennweg 60, D-90489 Nürnberg
Tel. 0911-54055934, Fax 0911-54055935, info@isfbb.de