Modul 3: Zeitzeugengespräche mit
Holocaust-Überlebenden
Mit Ernst Grube, Eva Weyl, Horst Bernard, Mina Gampel,
René Kaufmann, Ernest Glaser, Roman Haller und Wolfgang
Polak können aktuell (Stand 10.6.2026) organisiert durch
unseren Verein acht Holocaust-Überlebende von ihren
Verfolgungen durch die Nationalsozialisten berichten. Das
Projekt wird von Diplom-Sozialwirtin (Univ.) und
Buchautorin Birgit Mair geleitet, die seit 2005 mehr als
sechshundert Zeitzeugengespräche mit
Holocaust-Überlebenden durchgeführt hat. Sie führt durch
die Veranstaltung, bettet die Erzählungen der Zeitzeugen
in den historischen Kontext ein und präsentiert Bilder,
Dokumente und ggfs. auch Filmausschnitte aus deren Leben.
Im Anschluss an die Veranstaltung kümmert sie sich um die
Betreuung der Zeitzeugen.
Kurzbiographien
Eva Weyl: Als Kind im KZ Westerbork gefangen
Eva Weyl als Kind mit ihrer Puppe
(Foto: Privatbesitz Eva Weyl) |
Eva Weyl im April 2022 im Keukenhof in den
Niederlanden (Foto: Birgit Mair) |
Eva Weyl wurde 1935 im niederländischen Arnheim geboren
und kommt aus einer jüdischen Familie. Ihr Großvater hatte
das im Zentrum der nordrhein-westfälischen Stadt Kleve
gelegene Kaufhaus Weyl geführt. Der Vater war ebenfalls in
der Kaufhausbranche tätig und hatte diesbezüglich in
Aachen, Berlin und Köln Erfahrungen gesammelt, unter
anderem bei Tietz. Ende 1934 zogen die Eltern aus dem
nationalsozialistischen Deutschland nach Arnheim, wo sie
noch einige Jahre ein Damentextilgeschäft führen konnten.
Die beiden bereits verwitweten Großväter zogen nach der
Pogromnacht 1938 ebenfalls zu Eva Weyls Familie ins
Nachbarland.
Nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im Mai
1940 wurde in Westerbork ein bereits existierendes
Flüchtlingslager in ein KZ-Durchgangslager für Jüdinnen
und Juden umfunktioniert. In dieses Lager wurde Eva mit
ihren Eltern Ende Januar 1942 deportiert. Elf Monate
später lieferte man beiden Großväter dort ein. Diese
wurden im Folgejahr nach Theresienstadt geschickt und
überlebten. Mehr als neunzig Eisenbahntransporte mit
Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma gingen von
Westerbork aus nach Theresienstadt und Bergen-Belsen sowie
in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Sobibor.
Von den 107.000 Frauen, Männern und Kindern, die von
Westerbork aus deportiert wurden, überlebten nur etwa
fünftausend. Eva Weyl und ihre Eltern entgingen mit viel
Glück der Vernichtung. Detailliert beschreibt die
Zeitzeugin die perfide Scheinwelt des Lagers. Mit Lügen
und Beschwichtigungsmethoden versuchte die Lagerleitung,
die zu Tode Geweihten in Sicherheit zu wiegen, um
Widerstand zu verhindern.
Frau Weyl kommt aus einer deutschen Familie. Dennoch galt
sie bis zum Jahr 1950 als staatenlos. Die Niederländerin
spricht holländisch und deutsch. Die Familie der Mutter
stammt aus Freiburg im Breisgau, die des Vaters aus Kleve.
Frau Weyl tritt unter anderem mit der Enkeltochter des
ehemaligen KZ-Lagerkommandanten von Westerbork auf. Wie
viele andere Holocaust-Überlebende ist auch sie der
Meinung, dass die junge Generation keine Schuld für die
Verbrechen ihrer Vorfahren hat, jedoch die Verantwortung
hat, die Vergangenheit zu kennen, um so an einer besseren
Zukunft zu arbeiten.
Ernst Grube: Er überlebte das Ghetto Theresienstadt

Ernst Grube 2022 in
Ingolstadt (Foto: Birgit Mair)
|

Ernst und Werner
Grube im Tierpark Hellabrunn in München 1941.
Ihr couragierter Vater besuchte mit seiner
Familie den Zoo, ohne den "Judenstern" zu tragen
(Foto: Privatbesitz Ernst Grube) |
Ernst Grube wurde 1932 in München geboren. Seine Mutter
war jüdisch, sein Vater evangelisch. Nach der Zerstörung
der Münchner Hauptsynagoge im Juni 1938 wurden die
unmittelbar angrenzenden Gebäude der israelitischen
Kultusgemeinde in der Herzog-Max Straße "arisiert", d.h.
geraubt. Die Grube-Familie wurde aus ihrer dortigen
Mietwohnung vertrieben. In ihrer Not brachten die Eltern
Ernst und seine beiden Geschwister zwei Tage vor dem
Novemberpogrom 1938 in ein jüdisches Kinderheim. Fast alle
der dort untergebrachten Kinder wurden später von den
Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Ernst und
seine beiden Geschwister mussten ab Frühjahr 1942 in das
„Judenlager Milbertshofen", später in ein weiteres Lager
in Berg am Laim bis April 1943. Drei Monate vor Kriegsende
wurden die Grube-Kinder und ihre Mutter in das Ghetto
Theresienstadt deportiert, wo sie bis zur Befreiung am 8.
Mai 1945 inhaftiert waren.
Bis heute kämpft Ernst Grube aktiv gegen Rassismus,
Antisemitismus, Neonazismus, Militarisierung und Krieg.
Seit Jahrzehnten ist er in der Vereinigung der Verfolgten
des Naziregimes/ Bund der Antifaschist*innen aktiv. Für
sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit
dem Georg-Elser-Preis der Landeshauptstadt München und dem
Bundesverdienstkreuz. Ernst Grube ist im Präsidium der
Lagergemeinschaft Dachau e.V. aktiv, dessen Präsident er
bis 2025 war. Er ist Vorsitzender des Kuratoriums der
Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Ehrenbürger der
Stadt München.
Mina Gampel: Ihre jüdischen Eltern flohen fünftausend
Kilometer bis nach Kirgisien
Mina Gampel (Foto: Birgit Mair) Mina Gampel (geb.
Juszkiewicz) wurde am 14. August 1940 in Pinsk im heutigen
Weißrussland geboren. Die allermeisten der 30.000
Einwohner*innen waren jüdisch. Mina war das achte Kind
einer armen jüdischen Familie. Ihr Vater arbeite
abwechselnd als Schuster und Fischer; die Mutter verkaufte
belegte Brote.
Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion im
Juni 1941 floh die Familie fast fünftausend Kilometer in
Richtung Südosten. Diese Entscheidung war lebensrettend,
denn fast alle Pinsker Jüdinnen und Juden wurden von den
Deutschen ermordet. Über Kiew und Stalingrad gelangte die
zehnköpfige Familie in den asiatischen Teil der
Sowjetunion, nach Samarkand und Taschkent in Usbekistan
und schließlich nach Kirgistan. Auf dem Weg dorthin wurde
der Vater, Mosche Juszkiewicz, in die Rote Armee
eingezogen.
Zwei Brüder von Mina starben an Krankheiten, einer wurde
von einem Wehrmachtssoldaten erschlagen. Mutter
Chasche-Lea (geb. Furman) lebte nun mit fünf Kindern
alleine in Frunse (heute Bischkek). Die Familie erhielt
Unterstützung aus den Reihen der Bevölkerung der
kirgisischen Stadt. Noch vor Kriegsende desertierte der
Vater, um die Familie zu unterstützen. Er fand seine Frau
und die Kinder, musste sich als Deserteur jedoch
verstecken.
Nach Kriegsende wollte die Familie zurück nach Pinsk,
erhielt jedoch keine Reiseerlaubnis dorthin. Man schickte
sie wie viele andere jüdische Überlebende ins polnische
Stettin. Dort besuchte Mina die Schule bis zur Mittleren
Reife und heiratete später. 1957 wurde ihr die Ausreise
nach Israel erlaubt, wo sie sich zehn Jahre lang aufhielt.
Sie wurde dort Mutter von drei Kindern. Gemeinsam mit
ihrem Ehemann und den Kindern siedelte sie 1967 nach
Deutschland um. Seit 1969 lebt und arbeitet sie in
Stuttgart, wo sie lange Zeit als Kindergärtnerin tätig
war.
Noch im hohen Alter studierte sie im Rahmen eines Studium
Generale Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie an
der Universität Stuttgart. Zudem absolvierte sie
Ausbildungen an der Kunstakademie Esslingen und an der
Europäischen Kunstakademie der Bildenden Künste in Trier.
Sie ist eine überregional bekannte, jüdische Künstlerin.
Seit 1993 ist sie Dozentin an der Kunstakademie Esslingen.
Motive ihrer Bilder sind unter anderem Szenen aus den von
den Nazis zerstörten jüdischen Schtetl in Osteuropa. Ihre
Kunstwerke wurden in Museen und Galerien ausgestellt,
unter anderem in Nancy, Zürich, Genf, Berlin, Stuttgart,
Tel Aviv, Antwerpen, Stettin, Warschau und London. Als
Künstlerin ist bis heute aktiv.
2018 veröffentlichte sie ihre Autobiographie „Meine vier
Leben – Weißrussland, Polen, Israel und Deutschland“.
(deutschsprachige Ausgabe: ISBN: 978-3-00-059646-9 –
Bestellung über den Buchhandel oder über amazon).
Polnischsprachige Ausgabe: ISBN-978-83-942774-6-8)
Mina Gampel spricht deutsch, polnisch, jiddisch, hebräisch
und russisch.
Ablauf eines Zeitzeugengesprächs mit Mina Gampel
Die Zeitzeugengespräche mit Mina Gampel laufen
folgendermaßen ab: Buchautorin und Holocaust-Forscherin
Birgit Mair berichtet etwa zehn Minuten über den Holocaust
in der von Deutschen besetzten Sowjetunion und bettet die
Lebensgeschichte von Mina Gampel in den
historisch-politischen Kontext ein. Im Anschluss daran
liest Mina Gampel Passagen aus ihrem Buch. Hierbei geht es
nicht nur um die Fluchtgeschichte der Familie, sondern
auch um philosophische Sichtweisen, die Mina Gampel
vorträgt. Beispielsweise hat sie ihre eigenen "Zehn
Gebote" verfasst. Im Anschluss an den Vortrag zeigt Birgit
Mair Fotos aus dem Familienalbum von Mina Gampel sowie
Bilder ihrer Kunstwerke, in denen viele jüdische Motive zu
sehen sind. Zum Schluss der Veranstaltung gibt es Raum für
Fragen aus dem Publikum.
Ernest Glaser: Er überlebte durch Flucht nach Shanghai
Ernest Glaser 2024 in seiner Wohnung (Foto: Birgit Mair)
Ernst Glaser wurde am 2. März 1924 in Berlin geboren und
kommt aus einer jüdischen Familie. Er überlebte den
Holocaust durch Flucht nach Shanghai, wo er acht Jahre
lebte. Heute ist er 101 Jahre alt, heißt Ernest Glaser und
kann von den Vereinigten Staaten aus online zugeschaltet
werden. Birgit Mair besuchte ihn im September 2024 in den
USA. Ihr Buch "Ernest Glaser - Ein Berliner Jude überlebte
den Holocaust in Shanghai" wird am 16. November 2025 in
der Friedenskirche Berlin präsentiert.
Horst Bernard: Als Kind antifaschistischer Eltern
durch Flucht nach Frankreich überlebt

Horst Bernard in
seiner Wohnung in Saarbrücken (Foto: Birgit
Mair, April 2021)
|

Horst Bernard als
Kleinkind (Foto: Privatarchiv Horst Bernard)
|
Horst Bernard wurde 1932 in Bischmisheim bei Saarbrücken
als Kind eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen
Mutter geboren. Die Eltern waren im saarländischen
Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv. Nachdem
das Saarland 1935 nationalsozialistisch wurde, floh der
Vater ins Exil nach Frankreich. Die Mutter wurde von den
Nazis unter Druck gesetzt, ihren Ehemann zurückzuholen.
Mit ihren zwei kleinen Kindern machte sie sich auf den Weg
nach Luchon in den mehr als eintausend Kilometer von
Saarbrücken entfernten Pyrenäen, wo die französischen
Behörden den Vater hingeschickt hatten. Ab August 1935
lebte die Familie in Agen, wo sie Hilfe von anderen
erhalten hatte und selbst anderen Flüchtlingen half. Das
1940 auf französischem Boden geborene Brüderchen änderte
den Rechtsstatus der Familie zu ihren Gunsten. Nachdem der
südliche Teil Frankreichs im November 1942 besetzt worden
war, musste der Vater in die Illegalität untertauchen.
1944 wurde die Mutter von der Militärverwaltung verhört,
die Gestapo durchsuchte ihre Wohnung. Nun musste auch sie
mit den zwei kleinen Kindern untertauchen. Ihr ältester
Sohn Horst wurde bei einem alten Ehepaar untergebracht,
das mit der französischen Widerstandsbewegung Resistance
sympathisiert hatte. Besonders belastend für den Jungen,
der in Agen ein Gymnasium besuchte, war folgende
Situation: Einmal in der Woche ging er zu einem bestimmten
Zeitpunkt in Agen auf einem Boulevard auf und ab, um
seinen Vater zu sehen. Sie gingen auf unterschiedlichen
Straßenseiten und nickten sich zu. Sie durften nicht
miteinander sprechen, damit Horst nicht in Verbindung mit
seinem jüdischen Vater gebracht wird. Im Alter von zwölf
Jahren entging Horst Bernard knapp dem Tode. Er konnte
fliehen, als die SS auf der Beerdigung eines bekannten
Widerstandskämpfers der Resistance-Gruppe "Libération" auf
dem Friedhof in Fengarolles um sich geschossen und
zahlreiche Menschen verhaftet hatte.
Horst Bernard lebt heute wieder im Saarland. Er spricht
deutsch und französisch und engagierte sich auch in der
Nachkriegszeit gegen Alt- und Neonazis, verfasste mehrere
Bücher und traf zahlreiche andere KZ-Überlebende. Birgit
Mair besuchte den 88-Jährigen im April 2021 in
Saarbrücken, filmte Teile seiner Lebensgeschichte.
René Kaufmann: Als Kind eines jüdischen Vaters
verfolgt
René Kaufmann (Foto: Birgit Mair)
Im Jahr 1937 wurde René Kaufmann in Belgien geboren. Seine
Eltern waren bereits kurz nach Hitlers Machtantritt von
Nazi-Deutschland aus zunächst in die Niederlande und
später nach Belgien gezogen, wo René aufwuchs. Sein Vater
war jüdisch, seine Mutter katholisch. Als die Wehrmacht im
Jahr 1940 Belgien besetzte, wurde Renés Familie von den
Nationalsozialisten verfolgt. Sein Vater versteckte sich
in den Ardennen, und wurde Opfer eines medizinischen
Expermients durch einen Arzt. René und seine beiden
Geschwister waren ständiger Gefahr ausgesetzt, als Kinder
eines jüdischen Vaters enttarnt zu werden. Der kleine René
musste mit ansehen, wie seine Mutter wurde von den
Nationalsozialisten schwer misshandelt wurde, da sie das
Versteck des Vaters nicht preisgeben wollte. Auch erlebte
er mit, wie seiner Tante vom Fahrrad gerissen und
verschleppt wurde. Sie und beinahe der gesamte jüdische
Teil der Familie wurde deportiert und im Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau ermordet.
René Kaufmann lebt heute in Bayern. Er spricht Flämisch,
Französisch und Deutsch.
Wolfgang Polak: Als Kind eines jüdischen Vaters in
Westerbork gefangen – die Mutter kämpfte im Widerstand
gegen die Nazis
Wolfgang Polak wurde am 21. Januar 1934 in Dortmund in
Nordrhein-Westfalen geboren. Sein Vater, Leiser Leopold
Polak (geb. 1889), stammt aus einer traditionellen
jüdischen Familie aus Papenburg in Niedersachsen. Die 1909
in Dortmund geborene Mutter, Hildegard Wilhelmina (geb.
Krause) stammte aus einer christlichen Familie. Im Zuge
der Heirat konvertierte sie zum Judentum. 1938 zwangen die
Nationalsozialisten die Familie Polak, aus ihrer Wohnung
in der Zabernstraße am Südwestfriedhof im Dortmunder Süden
in ein Judenghetto im Norden der Stadt umzuziehen.
Wolfgang war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt, sein 1937
geborener Bruder Joachim („Achim“) noch ein Baby. In der
Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 verwüsteten
Nationalsozialisten die Wohnung der Familie in der
Nordstraße und warfen Möbel aus dem Fenster. Wolfgang
Polak erinnert sich: „Das weiß ich genau, dass ich mit
meiner Mutter auf der Treppe saß, mein Bruder daneben und
wir waren da in Panik“. Dem Vater gelang die Flucht zu
Bekannten, bei denen er sich verstecken konnte. Nach
einigen Tagen flohen die Polaks gemeinsam nach Bocholt und
gelangten von dort aus mit Hilfe von Schmugglern in die
benachbarten Niederlande. „In Aalten wurden wir dann
aufgenommen bei sehr netten jüdischen Menschen“, berichtet
der 91-Jährige im Interview. Die Polaks wohnten dort in
einer Gartenlaube. Später zogen sie nach Rotterdam, wo sie
etwa ein halbes Jahr lang auf einem alten Schiff lebten,
das als Flüchtlingslager fungierte. „Wir dachten immer,
dass wir Aussicht hatten, eine Passage nach Amerika zu
kriegen da in Rotterdam, aber man musste viel Geld haben
und das hatten wir nicht. So ist uns das nicht gelungen“.
Später wurde die Familie für einige Monate in einem Hotel
einquartiert. „Da waren die Deutschen noch nicht da, da
hatten wir alle Hoffnung – Holland war neutral - dass wir
da irgendwie gut überleben konnten“. Wie die Familie nach
Amsterdam kam, weiß Herr Polak nicht mehr. Er erinnert
sich aber, dass sie mit Gepäck dort hinreisten und sich
auf Anweisung der Deutschen in der Beethovenstraße melden
musste. Das war 1940, nachdem Deutschland die Niederlande
erobert hatte. „Dann waren wir da im Garten und da waren
noch viele jüdische Menschen und dann waren wir dann ein
paar Stunden und dann sind wir nach Westerbork.“ Er
erinnert sich an die Baracke mit zwei Zimmern, in der die
Familie untergebracht war: „Und in den Zimmerchen waren
die Betten übereinander“ (…) In der Mitte war so ein
Gemeinschaftsraum, wo gegessen wurde oder wir mussten
schon mal Essen holen in der Garküche“. „An die Schule
erinnere ich mich nicht viel. Ich weiß nur noch, dass ein
Foto gemacht wurde von uns“. Der 91jährige erinnert sich
bis heute an das schwarze Kästchen, mit dem das Foto
gemacht wurde. Knapp zwei Jahre war die Familie in
Westerbork gefangen. Seine Mutter weigerte sich, sich,
sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen.
Wolfgang Polak und sein Bruder waren Kinder einer so
genannten „Mischehe“. „Meine Mutter (…) hat das auch
hingekriegt, dass wir auch entlassen wurden.“ Zum Abschied
aus Westerbork erhielt er von seiner Freundin Alice ein
Buch mit dem Titel „Das Teddybuch“ von Josephine Liebe
geschenkt. Das Buch mit der Widmung „Zur Erinnerung an
Deine Freundin Alice Adler 13.7.42.“ besitzt der
Holocaust-Überlebende noch heute. Alice Adler überlebte
die Nazizeit nicht. Wie 102.000 andere Jüdinnen und Juden,
Sinti und Roma wurde sie vom KZ Westerbork aus zur
Ermordung nach Osteuropa und nach Bergen-Belsen geschickt.
Mitte Juli 1942 kamen die Polaks nach Amsterdam. Dort
mussten sie sich eine Wohnung mit anderen Menschen teilen.
Die Zeit dort hat Wolfgang Polak als besonders grausam in
Erinnerung: „Mein Vater musste sich mindestens einmal die
Woche bei der SS melden. Er wurde öfter verhaftet. Dann
hat meine Mutter ihn wieder rausgeholt – einmal sogar vom
LKW rausgeholt“. Auch seine Mutter musste unzählige Male
im Hauptquartier der SS in Amsterdam erscheinen.
Insbesondere den so genannten „Hungerwinter“ in den
Niederlanden 1944/45 erinnert sich Wolfgang Polak gut. „Da
gab’s gar nix zu Essen. Man hatte zwar so Karten, dass man
mini mini was kriegte, aber es gab nichts. (…) Ich weiß
noch genau: Wenn man über die Straße ging, da fielen die
Leute um vor Hunger“. Seine Mutter fuhr mit dem Fahrrad
aufs Land und versuchte, Wertgegenstände gegen
Lebensmittel zu tauschen. Sie schloss sich dem
antifaschistischen Widerstand an und versorgte mit
gefälschten Essensmarken nicht nur ihre Familie, sondern
auch versteckte jüdische Menschen im Untergrund. Nach
Kriegsende ging die Familie zurück nach Deutschland.
Gemeinsam mit seinem Bruder betrieb Wolfgang Polak mehr
als zwanzig Jahre lang einen Autozubehörhandel in
Dortmund. Der Vater starb 1959 im Alter von 70 Jahren, die
Mutter starb 83-jährig im Jahr 1992. Beide Eltern sind in
Dortmund beerdigt. Jahrzehnte lang engagierte sich
Wolfgang Polak in der jüdischen Gemeinde Dortmund und half
neu zugewanderten Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen
Sowjetunion, sich in der neuen Heimat einzufinden. Heute
ist er Ehrenvorsitzender der Gemeinde. Der Fußballban und
ist seit mehr als sechzig Jahren Vereinsmitglied von
Borussia Dortmund und fungierte dort zeitweise als
Vizepräsident. In der jüdischen Gemeinde Dortmund ist ein
Saal nach ihm benannt. Für sein Engagement erhielt er 1923
das Bundesverdienstkreuz am Bande. Wolfgang Polak ist
Vater von drei Kindern und hat mehrere Enkelkinder. Er
spricht Deutsch und Niederländisch. Auf die Frage, wie
sich Deutschland in den vergangenen Jahren politisch
entwickelt hat, Stichwort AfD antwortet er: „Es ist
unbegreiflich, dass die Deutschen unbelehrbar sind. (…)
Dass es drin ist und dass man es gar nicht raus kriegt.
Unbegreiflich. Die wissen, was passiert sind und wollen
trotzdem wieder diese Richtung einschlagen. Ich will nicht
sagen, dass alle so sind, waren früher auch nicht alle so,
aber die werden mitgezogen und lassen sich mitziehen.“
Seine Botschaft für die nachfolgenden Generationen:
„Wichtig ist die Freiheit – dass man ne Freiheit hat, dass
man nicht in Systeme reinkommt, wo die Freiheit verloren
geht – dann ist das ganze Land verloren.“
Anmerkung und Danksagung: Die Lebenspartnerin des
Zeitzeugen, Tirzah Haase, lernte im Jahr 2025 durch eine
Fügung die damals 90-jährige Holocaust-Überlebende Eva
Weyl kennen, die wie Wolfgang Polak in Westerbork
interniert war. Frau Haase vermittelte den Kontakt
zwischen den beiden Holocaust-Überlebenden. Es stellte
sich heraus, dass Eva Weyl im Besitz eines Fotos ist, das
Eva Weyl und Wolfgang Polak neben anderen jüdischen
Schülerinnen und Schülern im Jahr 1942 im KZ-Lager
Westerbork zeigt. Das Foto ist in Birgit Mairs 2023
erschienenen Buch „Die letzten Zeuginnen und Zeugen –
Meine Arbeit mit Holocaust-Überlebenden“ abgedruckt. Den
Kontakt zu Wolfgang Polak stellte Eva Weyl her. Hierfür
möchte ich mich herzlich bedanken. Am 22. Mai 2026
besuchte ich Wolfgang Polak seiner Wohnung in Dortmund
führte ein Interview mit ihm durch. Die Zitate aus diesem
Text stammen aus dem Interview. Vielen Dank an Herrn Polak
für den herzlichen Empfang und die Offenheit. (Birgit Mair
am 10. Juni 2026)
Roman Haller – Er überlebte als jüdisches Baby in
einem Wald in der heutigen Ukraine
Roman Haller 2023 in München (Foto: Birgit Mair)
Roman Haller kennt seinen genauen Geburtstag nicht.
Irgendwann zwischen 7. und 10. Mai 1944 wurde er in einem
Waldstück in der von den Deutschen besetzten Sowjetunion
(heute Ukraine) geboren. Der genaue Ort ist ihm nicht
bekannt.
Seine Eltern, Ida und Lazar Haller, konnten mit Hilfe
anderer aus einem Ghetto und Zwangsarbeiterlager entkommen
und sich mit einer Gruppe weiterer Jüdinnen und Juden in
einem Bunker im Wald verstecken. Ohne die Hilfe des
Wehrmachtsmajors Eduard Rügemer und seiner polnischen
Geliebten Irena Gut hätten sie vermutlich nicht überlebt.
Rügemer und Gut versorgten Roman Hallers Eltern unter
anderem mit Lebensmitteln. Es stand zur Debatte, Roman
Haller nach der Geburt erdrosseln zu müssen, da er eine
große Gefahr darstellte: Ein schreiendes Baby hätte die
gesamte zwölfköpfige Gruppe verraten können. Dass er heute
zu uns sprechen kann, gleicht einem kleinen Wunder.
Nach der Befreiung durch die Rote Armee lebte die Familie
im DP-Lager München-Freimann. Ziel war die Auswanderung in
die USA. Letztendlich blieben sie aber in München, wo
Roman Haller aufwuchs und noch heute lebt. Sein Retter,
Eduard Rügemer, ein gebürtiger Nürnberger, wurde für ihn
für einige Jahre zu einem Ersatzopa. Mit seiner Retterin
Irena Gut war der Überlebende ebenfalls in Kontakt.
Roman Haller machte sich nach dem Krieg selbstständig und
engagierte sich ehrenamtlich. Mehr als fünfzehn Jahre lang
war er Direktor der
Claims-Conference-Nachfolgeorganisation mit Büro in
Frankfurt. Er verfasste Bücher zur Nachkriegsgeschichte
der Juden in Deutschland (u.a. „Davidstern und Lederhose“,
„… und bleiben wollte keiner“) und ist Träger des
Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Das Theaterstück „Irena’s Vow“ behandelt Roman Hallers
Überlebensgeschichte und wurde 2009 auf dem Broadway
aufgeführt.
Roman Haller steht für Vorträge mit anschließender
Fragerunde sowohl in Präsenz (im Raum Bayern) als auch
online (bundesweit) für Zeitzeugengespräche zur Verfügung.
Ablauf und Kosten
1. Ablauf der Veranstaltungen (Online und Präsenz)
a) Input durch Birgit Mair
b) Bericht der Holocaust-Überlebenden
c) Fragen aus dem Publikum
d) Verabschiedung
Dauer: 90 bis 120 Minuten
Kosten:
Pauschalpreis (online): 600,00 Euro (inkl. Honorare für
Zeitzeugen und Moderation, Beratung bei der Technik,
Technikcheck, Entwickeln eines maßgeschneiderten Konzepts)
Für Schulen können wir Sonderpreise anbieten.
Veranstaltungen können auf Anfrage in Kooperation mit der
Georg-von-Vollmar-Akademie durchgeführt werden (2 Euro pro
Teilnehmer).
Preise für Präsenz-Veranstaltungen auf Anfrage. Online:
Technik und Vorbereitung
Bitte teilen Sie uns mit, mit welchem technischen System
Sie die Veranstaltung durchführen möchten. Wir können Ihr
System nutzen oder selbst einen Link generieren. Für uns
am besten geeignet ist Zoom. Wir haben eine Zoom-Lizenz
erworben, mit der 100 Menschen an der Veranstaltung
teilnehmen können. Einige Tage vor der Veranstaltung
vereinbaren wir einen Termin für einen Technik-Check. Es
können mehrere Klassen gleichzeitig an der Veranstaltung
teilnehmen. Wir beraten Sie bei der technischen Umsetzung.
Kontakt und Buchung
Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung
und Beratung (ISFBB) e.V.
Rennweg 60 90489 Nürnberg
Germany
Telefon: +49 (0) 911 / 54 055 934
Mobil: 0176 / 62 94 31 52
Ansprechpartnerin: Birgit Mair (Diplom-Sozialwirtin
Univ.),
E-Mail: info(ät)isfbb.de
|